Sprachliche Vereinheitlichung oder Vielfalt in Europa?

 

ABSTRACTS

 

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        Prof. Dr. Jenõ Kiss

 

Sprachen und Sprachgebrauch in der EU: English only als Zukunft?

 

            Über die Sprachen gibt es auch heutzutage eine Menge von divergierenden Meinungen. Um  wissenschaftlich fundierte Antworten auf diesbezügliche Fragen geben zu können, müssen einheitliche Kriterien in Betracht gezogen werden. Die Sprachwissenschaft ist in der Lage, mit Hilfe von bestimmten Kriterien und Methoden Emotionen beiseite zu lassen und objektiv zu verfahren.

Erwähnt werden Axiomen, Untersuchungskriterien, die eine sprachsoziologische Beurteilung der Sprachen ermöglichen. Unter anderem werden folgende Fragen  beantwortet: Welche Fakten bestimmen das Schicksal der Sprachen? Gibt es eine Sprachpolitik der Europäischen Union? Lingua franca oder linguae francae?

Weitere Themenkreise: rivalisierende Sprachen auf dem Markt der Sprachen in der Europäischen Union; der Innenmarkt als Chance der kleineren Sprachen.

Englisch als d i e  Weltsprache. Ist sie eine Verkehrssprache wie nie zuvor und mit den besten Zukunftsaussichten, ohne die eine globale Kommunikation nicht mehr möglich ist? Ist sie gleichzeitig als die grösste „killer language” anzusehen?

 

 

 

   Prof. Dr. András Masát

 

Weltsprache und sprachliche Identitäten „kleiner” Nationen. Zur Spachsituation Skandinaviens 

 

Wenn wir davon ausgehen, daß  sich das Englische - durch die Vereinheitlichung/Globalisierung   der Kommunikation(smöglicheiten)  –immer mehr zu einer „Weltsprache” entwickelt, dann ergibt sich die Frage, ob auch eine entgegengesetzte Richtung gleichzeitig zum Vorschein kommt? Der Beitrag weist anhand des Beispiels von Skandinavien, speziell von Norwegen darauf hin, daß Dialekte nach wie vor deutlich dem Selbstverständnis und der Identität  einer Nation dienen. Die seit dem  Ende des 19. Jahrhunderts  im Gesetz verankerten zwei Schriftsprachen/Schriftsprachevarianten in Norwegen bedeuten  seit ihrer Koexistenz  einzigartige additionale sprachliche Kodes, die nicht nur in den alltäglichen Kommunikationsformen, sondern ( und   besonders)  auch in der Literatur  zusätzliche (ästhetische und soziokulturelle) Konnotationen zur Geltung bringen  können.  

   

 

 

 

   Prof. Dr. Dieter Cherubim

 

Deutsch in der „Mitte“ Europas. Versuch einer Problematisierung

(Vorläufige Zusammenfassung)

 

Für manche Deutschen liegt Ungarn nicht in der Mitte Europas, sondern ist ein Land am östlichen Rande Europas. Auch das Ungarische, das ja nicht zur indogermani-schen Sprachengruppe gehört, wird keineswegs dem zentralen Komplex europäischer Sprachen, sondern eher der Peripherie oder einer Gruppe exotischer Sprachen zuge-ordnet, die einem  Normaleuropäer wenigstens etymologisch im Allgemeinen nicht zugänglich ist. Deutsch gilt hingegen – vor allem den Deutschen selbst – als mitteleuropäische Sprache, Deutschland als ein Land in der Mitte Europas.

Diese Ideologie vom Deutschen in der „Mitte“ Europas soll in meinem Vortrag kritisch hinterfragt werden: Kann die deutsche Sprache verkehrsräumlich, historisch, kulturell oder funktional eine solche Position der „Mitte“ beanspruchen? In welcher Hinsicht könnte diese Sprache „Mitte“, von mittlerer Qualität oder „vermittelnd“ (gewesen) sein? Lässt sie sich sprachhistorisch als zentrale Größe im Konzert der europäischen Sprachen oder (heute nur noch) als „Weltkind in der Mitten“ interpretieren? Spielt sie im Prozess der weltweiten Umwertung  der europäischen Sprachen eine zentrale oder eher eine periphere Rolle? Nimmt sie auch sprachstrukturell / sprachtypologisch eine Mittelposition in der Entwicklung europäischer Sprachen ein?  

Indem bei diesen Überlegungen immer wieder ein vergleichender Blick auf das Ungarische geworfen wird, kann der Vortrag vielleicht auch einen wenigstens diskutablen Beitrag zur Reflexion über das Ungarische im Jahre der Fokussierung auf diese Sprache im Herzen Europas leisten.

 

 

 

 

     Prof. Dr. László Honti

 

 

Globalisierung” finnisch-ugrischer Sprachen?

 

Die Sprachen werden kaum eine dem Vereinheitlichungsprozeß, den wir in der Weltwirtschaft erfahren müssen, ähnliche Umwandlung durchmachen und eine globale „Weltunsprache” herstellen; nicht weniger problematisch ist für mich auch der von einigen Forschern eingeführte Terminus technicus „Europäisierung”. Unklar ist, wie man diese „Europäisierung” und wie weit Europa verstehen will: Ist Europa geographisch vom Atlantischen Ozean bis zum Ural oder nur die von der westlichen Kirche dominierte Region, d. h. vorwiegend die gegenwärtige Europäische Union gemeint? Mit anderen Worten: halten wir die uralisch–russischen und die uralisch–turksprachigen Kontakte und Wechselwirkungen auch im Auge oder nicht? Meine Antwort ist bejahend, da die intensiven Kontakte auf regionalem Niveau am wichtigsten sind.

In den letzten cca. 20 Jahren habe ich mich mehrmals mit der Frage beschäftigt, ob gewisse morphosyntaktische Strukturen in den uralischen Sprachen innere, spontane Entwicklungen sind oder sie als Nachahmungen ähnlicher Konstruktionen der benachbarten indogermanischen oder Turksprachen zu erklären sind. Nachdem ich ein bißchen gründlicher die uralischen Strukturen, die als nach fremdem Muster entstandene Formen verdächtigt wurden, studiert hatte, habe ich die Verdacht meistens nicht als bestätigt gesehen.

In den letzten Jahren wurde das Interesse an den Kontakten der uralischen Sprachen mit ihren Nachbarsprachen und an den Arbeiten von früheren Forschergenerationen angehörenden und zeitgenössischen Kollegen immer größer. Ich habe dabei oft die Erfahrung gemacht, daß wenn übereinstimmende oder ähnliche syntaktische Konstruktionen in einander genetisch nicht verwandten Sprachen auftreten, diese durch den Einfluß der einen auf die andere der kontaktierenden Sprachen erklärt werden, in der Regel wird die Möglichkeit einer inneren, spontanen Entwicklung nicht in Erwägung gezogen. Ab und zu bin ich in der Fachliteratur auf Äußerungen gestoßen, wonach einige finnisch-ugrische Sprachen, und zwar die geographisch westlichsten, d. h. das Ungarische, das Finnische und das Estnische „indoeuropäisierte”, „mittel-europäisierte”, „europäisierte” Sprachen seien. Die Verfasser vorsichtig artikulierter Mutmaßungen oder selbstsicher vorgelegter Aussagen bezüglich der Gemeinsamkeiten in den genannten Sprachen haben gemeint, daß sich die finnisch-ugrischen Sprachen an die in Europa gesprochenen, mehrheitlich indogermanischen Sprachen mehr oder weniger angepaßt hätten (dabei wird es des öfteren gerne vergessen, daß auch die finnisch-ugrischen Sprachen ihre indogermanischen Nachbarn mehr oder weniger beeinflußt haben können). Diese Anpassung könne im Wortschatz, in der Phraseologie und in der Grammatik zur Geltung gekommen sein. Aufgrund meiner Beobachtungen kann man am ehesten dann übereinstimmende oder ähnliche Konstruktionen in Nachbarsprachen finden, wenn sie der „übernehmenden” Sprache typologisch nicht fremd sind, oder bereits als zumindest marginale Erscheinung existieren.

Ohne auf kleine Einzelheiten eingehen zu wollen, erwähne ich in diesem Vortrag nur einige uralische Erscheinungen, die in einem Großteil der diesbezüglichen Fachliteratur auf Grund einer „Argumentation” des Typs: „Diese Übereinstimmung kann kein reiner Zufall sein!” als Nachahmungen fremder Konstruktionen eingestuft wurden:

1. die sogenannten Verbalpräfixe, 2. die Struktur der ungarischen Zahlwörter zwischen ’11’–’19’, 3. analytische Tempora, 4. die Attributivkongruenz.

 

 

 

 

 

    Prof. Dr. János Pusztay

 

 

Ist das Ungarische eine gefährdete Sprache?

 

Die meisten Sprachen der Welt werden von kleinen Gemeinschaften gesprochen. Die durchschnittliche Sprecherzahl der etwa 6-7 Tausend Sprachen beträgt weniger als 10 Tausend. Die Sprachen der kleinen Gemeinschaften befinden sich daher in einer bedrohlichen Situation.

Infolge der Globalisation werden auch Sprachen großer Sprachgemeinschaften bedroht, selbst wenn die Sprachgemeinschaften es nicht erkennen. Die Erfahrungen mit den sog. kleinen Sprachen beweisen aber, dass man mit dieser Frage rechtzeitig beschäftigen muss, um der Erosion im Sprachgebrauch vorzubeugen.

Im Vortrag werden Erscheinungen dargelegt, die die Zukunft des Ungarischen auf lange Sicht gefährden können.

 

 

 

 

 

   Prof. Dr. Anna Kolláth

 

 

Ungarisch als Sprachinsel in Slowenien.
Die Sprachsituation im slowenischen Murgebiet

 

In der Geschichte der ungarischen Sprache endete mit dem Friedensvertrag von Trianon jene Epoche, in der man die ungarische Sprache mit der der ungarischen Sprache Ungarns gleichsetzen konnte. Da mit den „neuen“ Grenzen Menschen und Gemeinschaften getrennt wurden (die „neuen“ Grenzen haben Menschen und Gemeinschaften einfach überschritten), begann ein neuer Abschnitt in der Entwicklung der Sprache: Die ungarische Sprache lebt, entwickelt und verändert sich  im Karpatenbecken in acht Ländern und  in acht verschiedenen Variationen. Die Einheit der ungarischen Sprache kann nur aufrecht erhalten werden, wenn wir zur Kenntnis nehmen, dass man auf verschiedene Weisen ungarisch sprechen kann.

Das Murgebiet ist eine der beiden zweisprachigen Regionen von Slowenien (die zweite ist die von Italienern bewohnte Küstenregion – Obala). Die ungarische Nationalgemeinschaft macht 0,32% der Gesamtbevölkerung Sloweniens aus. Ihre Zahl geht Jahr für Jahr zurück: Im Jahre 2002 wurden 5 212 Einwohner ungarischer Nation (-21,9%), sowie 6 237 mit ungarischer Muttersprache (-11,55%) registriert.

Es ist allgemein bekannt, dass das wichtigste Element der nationalen Identität ungarischer Minderheitsgemeinschaften im Karpatenbecken die Muttersprache ist. Bei ihrem  Überleben  und beim Erhalt bzw. falls notwendig, bei der Revitalisierung ihrer ethnolinguistischen Vitalität  der Unterricht der Muttersprache und der Sachfachunterricht in der Muttersprache eine wichtige Rolle tragen.  Die korrekte verfassungsmäßige, rechtliche, sachlich-finanzielle Regelung des ungarisch-slowenischen zweisprachigen Unterrichtes auf dem Murgebiet  und die Differenzen in der Auslegung der muttersprachlichen Dominanz durch Minderheit und Mehrheit bestimmen die Position der ungarischen Sprache sowohl in der Schule als auch in dem öffentlichen Leben.

Die Situation der ungarischen Muttersprache in der nationalen Gemeinschaft in Slowenien wird also grundlegend vom Sprachrückgang ge­prägt (die ungarische Sprache hat dem Slowenischen gegenüber auf allen Ebenen Defizite). Das hat den Dominanzwechsel in der Sprach­kom­petenz der Sprecher als notwendige Folge, was wiederum zum Ver­lust der Muttersprache führen kann. Um diesen Prozess ver­lang­sa­men (wenn auch nicht mehr aufhalten) zu können, damit die Schlucht zwischen der vir­tuel­len Gleichheit und der aktuellen Ungleichheit der ungarischen und slowenischen Sprache aufgefüllt werden kann und sich nicht weiter ver­tieft, muss das Prestige der ungarischen Sprache im Kreise von Mino­rität und Majorität gestärkt werden.

Neben dem zweisprachigen Unterricht wird im Vortrag der Prozess der sog. Detrianonisierung der un­ga­rischen Sprache – als ein weiterer Versuch zur Erhöhung des Prestiges der ungarischen Minderheitssprache – kurz vorgestellt. Das ist ein Projekt des Forschungsnetzes TERMINI der ungarischen Akademie der Wissenschaften (http://ht.nytud.hu/). Die in erster Linie lexikologischen, lexi­ko­graphischen und korpuslinguistischen Arbeiten haben als Ziel, die Wörterbücher, Grammatiken und Handbücher der ungarischen Sprache gesamtungarisch und universell zu gestalten. Dies soll erreicht werden, indem die Lehnwörter und -ausdrücke staatssprachlichen Ursprungs so­wie die direkten und indirekten Kontakterscheinungen innerhalb der einzelnen Sprachvarianten aus diesen Büchern wiedergegeben werden.